Motivationsschreiben

Sehr geehrte Damen und Herren,

nachdem ich schon mehrere Jahre über eine Bewerbung für die Kunststiftung Baden-Württemberg nachgedacht habe, bin ich nun an einen Punkt angelangt, an dem meine Arbeit als Musikerin und Komponistin eine klarere Linie bekommt. Über die letzten Jahre hinweg habe ich festgestellt, dass ich meine künstlerischen Ideen auf unterschiedlichen Ebenen umsetzen kann: musikalisch, kuratorisch und tatsächlich auch durch Organisationsstrukturen.

Tief verwurzelt in der klassischen Musik, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass die Rituale, der Kanon und der Anspruch an die Musik vertrocknen, wenn nicht aktiv neue Impulse gegeben werden. Meine Vision ist eine größere Durchmischung aller Kulturschaffenden, Musiker*innen und Künstler*innen, der Rezipient*innen und dadurch nicht zuletzt auch die Durchmischung gesellschaftlicher Schichten. Das Sich-Lösen von Begrenzungen durch Genres ist dabei absolute Voraussetzung. Es gibt keine schlechten Genres, vielmehr gibt es in jedem Genre gute und schlechte Musik – auch in der Klassik.

Ich verorte mich nicht im Crossover. Dieser Begriff steht für einen Ansatz, durch den am Problem vorbeigedacht wird. Die nötige Arbeit für eine Verbindung von Genres müsste viel tiefer gehen. Das war nicht zuletzt der Grund für die Gründung des Detect Ensembles.

Es geht mir um eine neue Klangsprache, die nicht von einem („klassischen“) Klangideal oder -einer Klangvorstellung geleitet wird, sondern von der Idee, die dahinterstehen soll. Ich höre und verorte Klänge, auch von traditionellen Instrumenten, spektral im Raum. Die musikalische Aussage kommt viel mehr aus der Textur des Klangs als aus der Melodie. Weiterhin verweist ein Raum, ob örtlich oder spektral, auch immer auf seine Grenzen. Er ist erst erkennbar durch seine Begrenzung. Sie sind notwendig, damit Rituale entstehen können, wie man sie in der Konzertkultur sieht. Wird dieser Raum manipuliert, kann sich die Wahrnehmung des Rituals verändern. Aus demselben Grund ist es auch so wichtig, Produktionen an diverse Spielorte zu bringen.

Derzeit tourt eine kleinere Formation des Ensembles mit dem Produzenten Christian Löffler mit seinem Album „Parallels“, in dem er alte Beethovenaufnahmen verarbeitet. Unter meiner Anleitung sollen für 2022 weitere Arrangements für ein größeres Ensemble entstehen. Ich möchte Instrumentalist*innen als spektrale Erweiterung begreifen und durch Aufstellung, Instrumentierung und Adaption elektronischer Effekte das visuelle und akustische Erleben eines DJ-Sets nachvollziehbarer und umfassender machen.

Mit diesen Visionen bewerbe ich mich für das Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg.
Ich möchte Projekte mit dem Detect Ensemble planen und umsetzen und meine Fähigkeiten als Ensembleleiterin verbessern. Weiterhin möchte ich selbst mehr für das Ensemble komponieren und regelmäßige Proben ermöglichen

Weiterhin möchte ich mir Zeit für Installations- und Klangkunstprojekte nehmen, denn alle künstlerische Auseinandersetzung verhilft mir zu einem schärferen Weltbild und zu einer klareren Vorstellung der Aussagen, die ich treffen möchte. Die Bandbreite der Themenfelder birgt aber auch die Gefahr der Zerstreuung und Inkonsequenz. Es ist eine tägliche Herausforderung sich zu Fokussieren.

Die Anerkennung, die mit der Bewilligung eines Stipendiums einhergehen würde, wäre mir Ansporn, mich dieser Herausforderung weiterhin zu stellen und böte die Möglichkeit, den Start in eine berufliche Laufbahn auf solide Füße zu stellen.

Ich danke Ihnen für die Zeit, die sie sich für das Lesen genommen haben und grüße herzlich

Paulina Sofie Kiss