3. Teil: Mahler im Spiegel

Die Note als Hülse

Mahler im Spiegel ist eine Komposition, die ursprünglich für eine interdisziplinäre Performance mit Tanz, Lyrik und Musik geschrieben wurde. Die zugrunde liegenden Gedichte sind während des ersten Lockdowns entstanden und beschäftigen sich mit der Diskrepanz zwischen dem Vorwärtsgehen und dem Sich-Erinnern, dem Versinken in Gedanken, wenn die Welt vermeintlich stillsteht und man beginnt sich selbst zu verlieren.

Das Stück ist in kurzer Zeit entstanden und die Agogik und der Ausdruck standen im Kompositionsprozess letztlich im Vordergrund. Trotzdem war die Konzeption repräsentativ für die musikalische Aussage.

Ausgangspunkt war das Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie. Zunächst hörte ich mir Aufnahmen des hochemotionalen Satzes an, studierte die Partitur und lud zuletzt die Partitur als Midi-Datensatz auf meinen PC. Midi Noten tragen, genau wie traditionell notierte Noten, Informationen über Tonhöhe, Länge und Intensität in sich. Es gibt die Möglichkeit sie als Datenübertragungsprotokoll zu verwenden, aber auch als Datensatz. In einem Datensatz, der so gesehen ähnlich der gedruckten Partitur ist, birgt die Midi-Note aber nicht die Möglichkeit für spontane Entscheidungen. Anders als eine Partitur, wird sie nicht von einer Person im Moment interpretiert, um Klingen gebracht zu werden, sondern sie wird einmalig mit einem Klang gefüllt und jedes Leben, das man dem Midi-Datensatz einhaucht ist mit Programmierung und Planung verbunden. Das Ergebnis bleibt statisch.

Diesen Umstand nutze ich musikalisches Stilmittel. Ich baute einen Synthesizer, dessen Wellenform auf dem Orchesterklang einer Mahler Einspielung beruht und füllte damit die Midi Noten. So baute ich mir meine Mahler-Orgel, die eine scheinbar stillstehende Version des Satzes leiert, bis sie in weißem Rauschen versinkt.

PS Kiss · Mahler im Spiegel