2. Teil: 60

Eine Abhandlung für E-Gitarre und Live-Elektronik


Zeit, oder präziser: Zeitmessung ist ein menschliches System, um Kommunikation und Verständigung zu ermöglichen. Zeitempfinden und Zeitmessung stehen aber zunächst in keiner Relation zueinander. Im persönlichen Empfinden kann Zeit schnell oder langsam vergehen, das Prinzip der Zeitmessung impliziert aber, dass Zeit immer gleich schnell vergeht.

In der Komposition wird der Herzschlag des Gitarristen oder der Gitarristin zu Beginn des Konzertes aufgenommen und in den Raum gespielt. Das Sample wird auch vom Gitarristen oder von der Gitarristin als Zeiteinheit genommen. Die Wiedergabegeschwindigkeit dieses Herzschlag-Samples wird dann über ein Max/MSP Patch vom Musiker oder der Musikerin an der Live-Elektronik im Verlauf des Stückes stetig verlangsamt. 
Die zwei ausführenden Musiker*innen sollen in eine Kommunikation treten und in einen gemeinsamen Zustand der Meditation gelangen. Entschleunigung, Verlangsamung der Zeit. 
Zu Beginn, wenn der Herzschlag noch unbearbeitet ist, hangelt sich die Gitarre an einfachen Motiven entlang und der Raum gerät nur durch mikrotonale Verschiebungen in Schwingung. Nun wird das Sample des Herzschlags stetig verlangsamt und somit langgezogener und tiefer. Die Motivik ändert sich zu Skalen und Gesten, die sich langsam zu Clustern schichten, in denen sich das Metrum gänzlich auflöst. Am Ende des Stückes ist auch das Herzschlag-Sample so langsam, dass man einen durchgängigen Ton hört, der sich kaum vom Cluster der E-Gitarre unterscheiden lässt. Die Zeit steht still.

Das Stück ist eher eine Abhandlung über die Wahrnehmung verschiedener Tempi, als eine Vorgabe von Zeitempfinden. Während der Performance ist nicht vorherzusehen, wie sich die Zeiteinheiten (Herzschlag und tatsächliche Zeitmessung) entwickeln: Das Tempo des Samples und die tatsächliche Entwicklung des Herzschlages des Gitarristen oder der Gitarristin. Das Tempo des Herzschlages und die tatsächliche Zeit im Empfinden jeder einzelnen Person aus dem Publikum. 
 
Das Stück „60“ ist als Auftragswerk für Open Strings Berlin entstanden und wurde im Zuge des Konzertes „Berlin Dialogues“ im Februar 2020 uraufgeführ